Kirschbaumblüten

 

Es verschlug mich also nach Hambington, einem (sehr) kleinen Örtchen, nicht weit entfernt von Herensberry. Die Vorstellung das meine Großmutter, meine nun letzte verbleibende Verwandte, nur wenige Minuten von mir weit weg lebte war irgendwie beruhigend. Als das Taxi langsam um den Hügel bog und die Felder entlang fuhr, machte mein Herz einen Satz. Ich konnte es nicht glauben, dass ich nun wirklich hier leben würde. Allein der Anblick der weite der Wiesen machte mich ganz aufgeregt und am liebsten hätte ich dem Fahrer gebeten anzuhalten, sodass ich die letzten Kilometer zu Fuß laufen könnt. Stattdessen, blieb ich jedoch sitzen und rutschte unruhig auf meinem Sitz hin und her.

Schon von weitem hatte ich das Haus erblickt, welches ich nun mein eigen nennen konnte. Es war zwar nur klein, doch ich hatte es mir hart erarbeitet. Denn ganzen Sommer hatte ich für diese vier Wände – und es waren tatsächlich beinahe nur vier Wände – auf Feldern geschwitzt und das Treten etlicher Kühe ertragen.

Zwar war die Farbe etwas gewöhnungsbedürftig – Die Vorbesitzer legten wert darauf, sich nicht all zu viel von der Umgebung abzuheben – doch ich war mir sicher, dass ich dies mit einigen Eimern Farbe beheben könnte, sobald ich wieder etwas Geld verdiente.

Es war wirklich nur ein kleines Haus. Hätte es nicht so abgeschieden gestanden, hätte man es für eine Ein-Zimmer-Mietwohnung halten können. Die weiten grünen Wiesen, machten es jedoch zu einem eigenen kleinen Gebäude.

Ich lächelte. Jedem anderem wäre bei diesem Anblick wohl schlecht geworden, doch mir ließ es das Herz schneller schlagen. Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich mit meiner Familie in einem kleinen Wohnwagen gelegt. Dieses Haus schien im Vergleich damit riesig zu sein.

Das Taxi stoppte und der Fahrer stieg aus, um wie schon so oft diese Woche, meine Kisten aus dem Kofferraum zu hieven.

"Dankeschön", sagte ich schließlich und reichte ihm ein 20 Dollar Note. Er nickte, schlug die Fahrertüre zu und brauste davon. Zum letzten Mal wie ich hoffte.

Die folgenden Wochen vergingen wie im Fluge, wenn die Zeit für mich auch wie magisch verlangsamt schien. Nach dem hektischen Treiben der Großstadt genoss ich es einfach mal nichts zu tun. Die meiste Zeit verbracht ich mit lesen. Im letzten Jahr hatten sich Tonnen von Bücher angehäuft, die durch meine Arbeit auf der Farm unberührt geblieben waren. Für das kleine Mädchen in mir, welches immer noch daran gewohnt war auf einem Etagenbett in dicke Bücher zu versinken, war es unerträglich gewesen. Daher erschien es mir um so mehr fantastisch alle Zeit der Welt dazu zu haben, einfach nur zu lesen.

Doch noch mehr als das Leben genoss ich die Freie des Landes. Die letzten Jahre hatte ich mich immer wie gefangen gefühlt. Verloren in den Menschenmengen der Stadt. Hier in Hambington gab es meist nur mich, mich und die Vögel.

Es war nichts im Vergleich mit der Freiheit eines Lebens auf der Straße, diese Ungebundenheit, doch es war unbeschreiblich, nach meiner Zeit in der Stadt.

Stundenlang konnte ich im Gras, vor meinem kleinen Häuschen, liegen und einfach nur in den Himmel starren.

Doch ganz ohne Soziale Kontakte kann kein Mensch auskommen und so schlug es auch mich hin und wieder in die kleine Einkaufhalle die Straße runter. Sie war Anlaufstelle für alle Familien in und Hambington, für die der Weg nach Herensberry für kleinere Einkäufe zu weit war. Ich machte einige nette Bekannte


Und Joe Theissen, der Besitzer, kannte mich bald als einen seiner Stamm Gäste. Er war ein freundlicher, etwas beliebterer, älterer Herr, der immer zu einem guten Schwätzchen aufgelegt war, wann immer man ihn traf. Oft erzählte er mir von seiner Frau Agata, die etwas besonders vergesslich schien und ihm wohl generell immer die Sockepaare vermixte, wenn sie die Wäsche machte. Ein blauer und ein grüner Strumpf, die zwischen Hosensaum und Schuh hervorlugten als er mir dies erzählte waren der perfekte Bewies.

Ich war mir so gut wie sicher, dass das Leben perfekt war, als ein kleiner Bankauszug mit der Post eintraf. Es war offensichtlich, dass ich ohne Job nicht mehr lange weitermachen konnte. Langsam aber stetig hatte ich die Ersparnisse der letzten Jahre aufgebraucht und es schien, als würde mein Kontostand auf seine letzten paar Dollar zugehen.

Durch das Fenster konnte ich in der Ferne die Einkaufshalle sehen und ich erinnerte mich an etwas, das ich dort vor ein paar Tagen gesehen hatte.

Da der Weg nur recht kurz ist, entschloss ich mich sofort los zu gehen, bevor ich meine Motivation etwas an meiner momentanen Lage zu verändern wieder verlor. Wenig später trat ich durch die alte Holztüre der Läden und fand mich vor dem Ständer mit Zeitungen und Magazinen wieder. Neben etlichen Teenage Zeitschriften wie "Pop Star" und "Shine" und Farm Magazinen die mir Sachen versprachen wie "Nie mehr Fliegenbefälle an ihren Kühen!" oder "Unser neuer Rasenmäher lässt bestimmt keinen Grashalm stehen!", fand ich wonach ich suchte. Das lokale Arbeitsblatt. Ich hatte es schon vor einigen Tagen gesehen, doch mit dem Gedanken beiseite geschoben, dass ich immer noch gut mit meinem Geld auskam.

Mit dem Magazin in der Hand trottete ich zur Kasse.

"Auf der Suche nach einem neuen Job was?", fragte der Kassierer (Guter Gott das Kind konnte nicht älter als 14 sein!) als ich ihm die Ware übergab, "Ich habe meinen auch in dem Blättchen da gefunden. Hat alle Jobs in der Umgebung. Von Herensberry bis zur Arbeit auf kleinen Farms im Umland."

"Nun, dass will ich auch mal hoffen", sagte ich, während ich dabei zu sah wie er - sehr langsam - dem Barcode per Hand eingab, "Immerhin kostet mich das Ganze ... Gute Güte 10 Dollar!"

An diesem Abend machte ich mich in der heißen Sommerluft daran, die ausstehenden Stellen zu studieren. Es schienen tausende zu sein und ich wunderte mich, wie es für jemanden der in einem so winzigen Ort wie Hambington lebt so viele potenzielle Arbeitsplätze geben konnte.

Zugegeben, 70% der Stellen waren Angebote in Herensberry, doch sogar die Übrigen 40% boten die interessantesten Karrieren an. Ein Farmer weiter Südlich suchte jemanden zum Honig sammeln, und ein Kindergarten in eine Gemeinde östlich von uns, suchte eine Nachmittagsbetreuerin. Doch es gab ein Angebot das mir besonders in Auge stach. Es war in einem so genannten "Alternativ-Center" in einem Vorort von Herensberry. Als Stelle ausgeschrieben war: Freundlich Mitarbeiterin mit Talenten wie Tanzen, Handlesen oder ähnlichem. Darunter war eine Telefonnummer.

 

Ich griff zum Hörer. Diese Job schien wie für mich geschaffen zu sein. Die meisten Jahre meines Lebens hatte ich unter Zigeunern und Artisten verbracht, wer sonst wäre besser dazu geeignet in einem "Alternativ-Center" zu arbeiten?

"Hallo und willkommen im Alternativ-Centre Herensburry. Anett Clark am Apparat, was kann ich für sie tun?"

"Oh hallo, Gypsy hier. Ich habe gerade ihre Anzeige im Arbeitsblatte gelesen und habe mich gewundert ob die Stelle noch frei ist?"

 

"Ja die Stelle ist noch frei, bis jetzt haben wir noch keine passenden Kandidaten gefunden."

"Wirklich?" Ich konnte es nicht fassen.

"Wären sie an der Stelle interessiert?"

"Ja natürlich, das ist ja der Grund weshalb ich anrufe."

"Nun, wir suchen jemanden mit besonderen Talenten. Denken sie denn das sie dafür geeignet sind?"

Ich erzählte der Frau am Telefon vom Leben mit meiner Familie, mit den Zigeunern. Ich erzählte vom Tanzen, vom Wahrsagen, von den Tieren und von der Artisten. Sie schien Feuer und Flamme. Kurz darauf hatte ich den Manager am Telefon, welcher mich umgehend zum Probearbeiten für den nächsten Tag einlud. Man versprach mir sogar eine Fahrgemeinschaft, was aufgrund meines Mangels an einem Auto, wirklich keine schlechte Idee war.

 

Am nächsten Morgen fiel es mir schwer mein Müsli herunter zu kriegen. Ich war nervös wie noch nie. Diese Stelle war etwas, dass ich wirklich wollte. Ich war mir sicher, dieser Job würde zu mir passen. Um so wichtiger war es einen gute Eindruck auf die Leute zu machen. Ich konnte nur hoffen, das ich sie mit unseren Traditionen und Bräuchen zufrieden stellen können. Es schien für mich nichts außergewöhnliches, was wenn es nicht genug war?

 

Erst viel später am Tag erkannte ich, wie dumm es von mir gewesen war mir so den Kopf zu zerbrechen. Die Leute im Alternativ-Center waren super und ich wurde sofort von allen gut aufgenommen und am Ende des Tage nahm mich mein Chef mit einem Lächeln auf dem Gesicht zur Seite und erklärte mir, dass ich von nun am zum Team gehören würde.

"Ich hol dich dann morgen zur gleichen Zeit ab?", fragte Claudio, einer meiner Kollegen, am Abend als er mich zu Hause absetzten.

"Wenn es keine Umstände macht ...", antwortete ich.

"Nicht doch!", er hob die Hand zum Gruß und fuhr davon. Alles was ich tun konnte war da stehen und lächeln

17.11.08 07:32
 


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